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. / .Deutsch / Kommunikation / Medien / Das Glotzenzeitalter
Stand: 09.06.2007

Die Medienproblematik ist keineswegs erst heute erkannt worden, allerdings wurde sie vor 30 Jahren noch eher als Krankheit gesehen



Zu Beginn des „Glotzenzeitalters“ gehörte es in gewissen Kreisen zum guten Ton, dem neuen Medium die kalte Schulter zu zeigen. Intellektuelle und solche, die sich dafür hielten, wollten einer spielend leicht verführbaren Massengesellschaft beweisen, daß sie der Epidemie des Heimkinos jederzeit widerstehen konnten. Der mehr oder weniger arrogante Verzicht, die elitäre Verweigerung, sich der plebejischen Mode anzupassen, lief unter dem Decknamen Askese. Mitunter wurden im kulturellen Schrebergärtlein sogar neurotische Haßgefühle gegen das Fernsehen gezüchtet, die sich zum Beispiel darin niederschlugen, daß man schon das TV-Gerät selbst verbal und hochgestochen-neckisch abqualifizierte: Der Glasfratz ist uns da in bleibender Erinnerung. Inzwischen hat sich diese Asketen-Schicht fast ganz im Wohlgefallen der bewegten Bilder aufgelöst. Der Akademiker und Familienvater ringt heute eher darum, ob das Zweitgerät für die Kinder auch in Farbe oder aus hierarchisch-pädagogischen Gründen noch Schwarzweiß sein soll.
Eines freilich bitten sich die ehemaligen Verweigerer aus - im Zweifelsfall könnten sie selbstverständlich auf den Flimmerkasten verzichten. Dann kämen endlich wieder das gute Buch, das gute Gespräch, die zwischenmenschliche Begegnung zu ihrem Recht. Aber warum werfen sie den Glasfratz nicht hinaus, um rasch zu diesen inneren Werten zu gelangen? Vielleicht ahnen sie dumpf, daß ihnen - mit starken Abstrichen natürlich! - ähnliches passierte wie jenen zwei so Berliner Familien, die sich für ein Experiment des ZDF und von Publizistik-Studenten der FU freiwillig vier Wochen lang einem Fernseh-Entzug unterwarfen.  Die Folgen waren beinahe katastrophal.  Langeweile, gequälte Spielversuche, zunehmende Streitlust, unmotivierte Besuche bei Verwandten und Freunden. Bei durchaus vorhandener Einsicht in den blamablen Zwang der Abhängigkeit zeigten sich Entzugserscheinungen, wie sie Alkohol- und Drogen-süchtigen nicht fremd sind. Mit den sehnlichst erwarteten Geräten kam nach einem Monat die heile Freizeitwelt zurück.
Die vier erwachsenen Teilnehmer des Experiments sind Arbeiter mit einer reichlich entfremdenden Tätigkeit. Sie brauchen das Fernsehen, um sich wenigstens passiv von dem harten Arbeitstakt zu entspannen. Ist ihre TV-Sucht also „klassentypisch“?  Das wäre die dümmste Folgerung, die man aus der lehrreichen Untersuchung ziehen könnte. Angestellte, Freiberufliche, Unternehmer, Eierköpfe jeder Güteklasse brauchen sich durch Unterlassung des Knopfdrucks nur selber zu testen. Sie werden staunen, was an Leerlauf dabei herauskommt und wie nett die sogenannte personale Hinwendung zum Du funktioniert.  Der Zyniker Hitchcock hat einmal gesagt: „Das Fernsehen hat den Mord ins Haus zurückgebracht - wo er hingehört.“  Ein starkes Wort, gewiß. Aber der Krimi leitet gelegentlich Aggressionen ebenso ab wie die Sendung „Ehen vor Gericht“, welche manchen Paaren die Scheidung erspart, weil sie ins Wohnzimmer geliefert wird.  Es hilft nichts: Das Fernsehen ist ein Lebensmittel geworden, dessen Ersatz-Charakter von den Süchtigen nur zu gern ignoriert wird.

Aus: Süddeutsche Zeitung v. 26. 2. 1976; ohne Angabe des Autors