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23.05.2018

. / .Deutsch / Lyrik / lyrische Texte / Die Kinder da unten
Stand: 02.07.2012

Kürzlich spekulierten wir, wie viele Analphabeten es in Deutschland gäbe; angeregt hatte nicht zuletzt der Film „Der Vorleser”, der im Prinzip vorrangig ja eine andere Thematik angeht. Die erschreckende Zahl von ca. 4 Millionen wirft schon eine Reihe von Fragen auf. Nicht erst seit Pisa ist bekannt, dass es einen signifikanten Zusammenhang gibt zwischen der sozialen Stellung der Eltern und den Bildungschancen ihrer Kinder. Allzeit wird seitens der Politik stets aufs Neue versprochen, hier nachhaltig etwas zu ändern. Bisher habe ich nur bürokratische „Lösungen” gesehen, die darin (hinweisendes Wort, was ein Komma verlangt) gipfeln, mit noch mehr Vorgaben, Kontrollen, Vergleichsarbeiten und Schülerbegleitbögen die Illusion einer Bildungsreform zu erzeugen. Ein kostenneutraler Zugewinn an Bildung, gar noch „gerecht” die sozial Bedürftigen stärker berücksichtigend, ist so nicht glaubhaft umsetzbar. Auch die momentan bewilligten staatlichen Mittel für Bildung, ausgelöst durch die „systemisch notwendige Unterstützung der notleidenden Banken”, werden - so steht zu befürchten - eher lokale Handwerker, Maler, Möbelhersteller und PC-Läden erfreuen. Es sind einmalige Mittel, denen die Nachhaltigkeit fehlt. Eine grundlegende Bildungsreform ist das noch nicht. Allein eine zusätzliche Verschuldung für Spitzen- und Breitenbildung erscheint als Zukunftsinvestition legitimiert, da sie denen zugute käme, die die Schulden später auch bezahlen müssen, nämlich den Kindern.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich bin nicht der Verfechter einer Art „Negativ-Auswahl”. Es geht mir nur um die optimale Auswahl aller Potentiale, die zur Zeit nicht gesichert erscheint. Wir haben in Deutschland insgesamt zu wenig Kinder, sodass wir es uns nicht leisten können, auf mögliche Potentiale zu verzichten. Es geht auch um die Vermeidung einer Art „Müllgeneration”, die nur Ansprüche stellen kann und letztlich seitens der Politik nur auf Dauer-Hartz 4 gestellt wird. Fördern und fordern dürfen da nicht nur nette Begriffe bleiben


Die Kinder da unten

Geboren sind nackt sie alle gleich,
Vor dem Gesetz sind alle sie gleich,
So geschrieben in gewichtigen Büchern.
Gleich schließt im Tode der Kreis sich.

Doch Wut und Geduld sind nötig (plagiat)
Zu ertragen das Unrecht,
Vollzogen an unschuldigen Kindern
In der Zeit zwischen Geburt und Tod:

Die einen verhätschelt, bespielt und
Erschlagen von Massen an Spielzeug,

Die anderen verwahrlost, verlassen und
Geschlagen von Vätern, die keine sind,

Abgewiesen von Müttern, die es hätten
Nie werden dürfen.

chancenlos und brutal sind sie
überlassen der elterlichen Freiheit ihrer Erzeuger,
überlassen der Freiheit der Medien,
die zu wirkungsvoll funktionierenden Konsumenten
sie erziehen, ohne emotionale Wärme,
überlassen allen Versuchungen der Drogen.

unverstanden und aussortiert
durch Erzieher und Lehrer,
dumpf ahnend, dass all das Schöne
IHNEN verschlossen bleibt.

nichts schaffend als ihresgleichen,
einen immer wiederkehrenden Kreislauf
erzeugend, den zu durchbrechen - die
Guten
stets nur versprechen.

und so verlierend ein Potential, das
nie erkannt werden durfte –
welch Schande!

Hubertus Wilczek