Start  
  .Deutsch  
  .Geschichte  
  .Informatik  
  .Politik  
  Aktuelles  
  Kuriositäten  
  Sonstiges  
  Gästebuch  


278,557 Besucher
seit April '07

letztes Update:
23.05.2018

. / .Deutsch / Epik / epische Texte / Heinrich Böll, Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral
Stand: 17.04.2007

Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann
in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen
Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel,
grüne See mit friedlichen schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote
Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind und sicher
sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den
dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel
angelt; aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine
Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt,
aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeugs, schließt die
eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes kaum meßbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker
Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist
- der Landessprache mächtig - durch ein Gespräch zu überbrücken versucht.
»Sie werden heute einen guten Fang machen.« Kopfschütteln des Fischers.
»Aber man hat mir gesagt, daß das Wetter günstig ist.« Kopfnicken des Fischers.
»Sie werden also nicht ausfahren?«
Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiß liegt ihm das
Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die
verpaßte Gelegenheit. »Oh, Sie fühlen sich nicht wohl ?« Endlich geht der Fischer von
der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über.
»Ich fühle mich großartig«, sagte er. »Ich habe mich nie besser gefühlt.«
Er steht auf, reckt sich, als wolle er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist.
»Ich fühle mich phantastisch.«
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht
mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht:
»Aber warum fahren Sie dann nicht aus?«
Die Antwort kommt prompt und knapp. »Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.«
»War der Fang gut?«
»Er war so gut, daß ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer
in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen.«
Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf
die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck
zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis.
»Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug«, sagte er, um des Fremden Seele
zu erleichtern. »Rauchen Sie eine von meinen?«
»Ja, danke.«
Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich
kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht
jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.
»Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen«, sagt er,
»aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar
ein viertes Mal aus und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend
Makrelen fangen. Stellen Sie sich das mal vor.«
Der Fischer nickt.
»Sie würden«, fährt der Tourist fort, »nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen,
ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren - wissen Sie,
was geschehen würde?«
Der Fischer schüttelt den Kopf.
»Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren
ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter
haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen
- eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden ...«, die Begeisterung
verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, »Sie würden ein kleines Kühlhaus
bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen
Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per
Funk Anweisung geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant
eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren
- und dann ...«, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache.
Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig,
blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter
springen. »Und dann«, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache.
Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat.
»Was dann?« fragt er leise.
»Dann«, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, »dann könnten Sie beruhigt hier
im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken.«
»Aber das tu ich ja schon jetzt«, sagte der Fischer, »ich sitze beruhigt am Hafen
und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.«
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher
hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten
zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer
in ihm zurück, nur ein wenig Neid.


Heinrich Böll (1917 - 1985) schrieb diese Erzählung als Vorlage für eine Sendung des
Norddeutschen Rundfunks zum „Tag der Arbeit“ am 1. Mai 1963, in welcher sie
vorgelesen werden sollte.

Die Anekdote (von griechisch ανέκδοτον, anékdoton - „nicht herausgegeben“) ist eine
literarische Gattung, die eine bemerkenswerte oder charakteristische Begebenheit,
meist im Leben einer Person, zur Grundlage hat.