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Johann Wolfgang Goethe: Ganymed (entstanden im Frühjahr 1774)
Wie im Morgenrot
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!
Mit tausendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herz drängt
Deiner ewigen Wärme
Heilig Gefühl,
Unendliche Schöne!
Dass ich dich fassen möcht’
In diesem Arm!
Ach, an deinem Busen
Lieg’ ich, schmachte,
Und deine Blumen, dein Gras
Drängen sich an mein Herz.
Du kühlst den brennenden
Durst meines Busens,
Lieblicher Morgenwind,
Ruft drein die Nachtigall
Liebend nach mir aus dem Nebeltal,
Ich komme! Ich komme!
Wohin? Ach, wohin?
Hinauf, hinauf strebt’s,
es schweben die Wolken
Abwärts, die Wolken
Neigen sich der sehnenden Liebe,
Mir, mir!
In eurem Schoße
Aufwärts,
Umfangend umfangen!
An deinem Busen,
Allliebender Vater!
In der griechischen Mythologie ist Ganymed ein schöner Jüngling,
der durch Zeus’ Adler geraubt und zum Olymp entführt wird, um den Göttern zu dienen.