Lange bevor die Politik und in dieser Woche auch der Spiegel die Medienproblematik erkannt hat - wobei außer einem juristisch schärferen Umgang mit Gewaltspielen noch nichts erkennbar Konkretes sich abzeichnet -, hatten viele Lehrer bereits vor den Gefahren des ausufernden Medienkonsums gewarnt; aber so lange die Freiheit der Medienmacher höher gewertet wird (selbst jede seriöse Informationssendung enthält bereits geballte und durch Visualisierung verstärkte Gewalt), das Mäntelchen der Aufklärung über angeblich so Wichtiges (z. B. Tratsch über sog. Prominente) bemüht wird und insbesondere die Verkaufsinteressen der Wirtschaft im Vordergrund stehen (allein der Umfang der Werbesendungen lässt vermuten, dass hier systematisch unkritische Konsumenten erzogen werden dürfen), werden wir alsbald amerikanische Verhältnisse bezüglich unserer medialen Wirklichkeit bekommen.
In einem LK Deutsch hatten wir unter kommunikativen Aspekten uns mit audio-visuellen Medien beschäftigt. Zu einer der Aufgaben zählte es, einen Zeitungsartikel zu verfassen, also nicht für ein Fachpublikum, sondern für breitere Leserschichten. Hier einige Ergebnisse aus 2004.
WIR MEDIENKINDER 1
Fernsehen, la télévision, television - so schimpft sich das in den Industrieländern so beliebte und für den Durchschnittsbürger unfehlbar gewordene Genussmittel, das doch genauso gut als Flimmerkasten, Mattscheibe oder Glotze bezeichnet werden könnte.
Ist dieser viereckige Kommunikationspartner, der hinter den Scheiben zu uns spricht, überhaupt noch ein Genussmittel? Im Prinzip ist er doch eher unser Alltagsbegleiter und für so manchen von uns unser bester Freund, der uns von allen wichtigen, unwichtigen und intimen Dingen des Lebens erzählt, nichts von uns fordert und rund um die Uhr für uns Zeit hat - ein Knopfdruck genügt und er ist für uns da.
Aus unserer heutigen Gesellschaft ist das Fernsehen wirklich nicht mehr wegzudenken, fast jedes Kind hat ein eigenes Gerät, was die Kommunikation und das gemeinsame Zusammenleben der Familie unterbindet.
Wenn wir den Fernseher einschalten, ist ein Prozess zu beobachten, in dem wir abschalten. Wir schalten ab von unseren Sorgen, von denen wir nichts wissen möchten und werden von vermeintlichen lustigen Comedy - Helden auf andere Gedanken gebracht. Manchmal können wir unsere alltäglichen Sorgen auch in einer der diversen Talkshows von Arabella Kiesbauer oder Oliver Geissen verarbeiten lassen oder wir geben uns ganz einfach den Problemen anderer hin und schauen zu, wie Richterin Barbare Salesch vermeintliche Straftäter mit bitterbösen Blicken verurteilt.
Die Intensität unseres Medienkonsums ist sehr hoch, viele von uns verbringen den Großteil ihrer Freizeit vor der Mattscheibe, dementsprechend bleiben andere Aktivitäten auf der Strecke, sodass wir auf eine hohe Fehlzeit kommen.
Wie sollen Schüler da noch Zeit für das Lernen aufbringen? Schließlich steht doch Wichtigeres im TV-Programm, das man zudem auch viel leichter auswendig lernen kann als Englisch-Vokabeln. Wenn die Alternative Lernen heißt, zieht doch jeder Schüler das Fernsehen vor, schließlich kann man dabei doch angeblich auch so viel lernen.
So ist besonders der Kommunikationskreis der Jugendlichen auf eine Ein-Weg-Kommunikation zwischen Fernseher und Konsument beschränkt, die sportliche Aktivitäten beispielsweise ausschließt, es sei denn, wir verfolgen eines der zahlreichen Aerobic-Programme und hüpfen die neuesten Übungen der beweglichsten Fitnesstrainer nach, um dann später auch so einen beweglichen Adonis-Körper zu haben.
Dennoch hat diese Art der Bewegungen wohl kaum etwas mit Eigeninitiative zu tun.
Wir dürfen nicht vergessen, dass das Fernsehen die meisten von uns schon treu von Geburt an begleitet und uns seitdem alles Mögliche vorgaukelt, sodass es in unserem Alltag unfehlbar wird und durchaus nachhaltig wirkt, deswegen gilt doch folgender Grundsatz: Je jünger der Rezipient, desto besser und verheerender die Wirkung!
Wir sind Medienkinder, so können wir doch ohne Zweifel feststellen: Das Fernsehen erzieht uns. Der Fernseher schränkt unsere Phantasie und uns in unserer Bewegung ein und das Beste ist: Er gibt uns sogar eine Sprache vor. Oder greift nicht etwa jeder von uns gerne ein neues Wort aus der neuesten Sendung auf?
Unser unermüdliche Gesprächspartner gibt uns doch glatt auch ein Weltbild vor, das bloß nicht zu offen sein sollte. Er schränkt es vorzüglich mithilfe von Ausschnitten ein, wir können Dinge voraussehen, sodass wir perfekterweise das Gefühl bekommen, die Kamera, das kleine Organ unseres Freundes, sei allgegenwärtig.
Der Fernseher schränkt nicht nur das Weltbild ein, nein, er bringt auch noch unsere reale Wahrnehmung in einen engen Rahmen.
Manchmal schafft er das so wunderbar, dass unsere Sinne betäubt werden. Er schont uns, indem er uns den Schmerz der Welt vorenthält und ihn hinter ungemütlichen Bildern versteckt.
Alles, was uns nicht gefällt, hält er von uns fern, er behält es für sich hinter der Scheibe und lässt es nicht so dicht an uns herankommen, dass sich plötzlich ein Kriegsverbrecher oder ein Hunger leidendes Kind neben uns auf die Couch setzt- das ist doch genial, er zeigt uns nur die Bilder.
Manchmal macht er es auch ganz dramatisch und übertreibt, dann ist es besonders spannend! Nebenbei gibt es dann noch Cola und Chips- übrigens auch ein geniale Empfehlung von ihm. Na gut, wir müssen zugeben, davon bekommt man schlechte Zähne, doch die TV- Werbung gibt uns doch sofort einen Rat, wie wir etwas dagegen tun können : Wir besorgen uns einfach schleunigst die neueste Zahnbürsteninnovation, die garantiert keiner Tomate was zu Leide tut und jeden Chips- und Colarest beseitigt. So sind wir doch bei Dr. Best in bester Behandlung.
Wir müssen uns auch kaum um unsere eigenen Gefühle kümmern- der Fernseher steuert sie für uns, indem er sie immer abwechslungsreich in eine der Sendung angepasste Richtung lenkt. Manchmal betrügt er uns auch und spielt uns falsche Gefühle vor. Aber er meint es ja nicht böse.
Genial ist doch auch, dass wir mit unserem Freund ohne auch nur einen Schritt zu machen, in eine andere Welt fliehen können- in eine bunte Landschaft der Extreme, sodass das Außergewöhnliche für uns normal wird.
Oder können wir uns unser heutiges Leben noch ohne Gewalt, Sex und Luxus vorstellen?
Unser Freund richtet sein Tagesprogramm darauf aus, uns die Extreme zu präsentieren, sodass diese Außergewöhnlichkeiten zur Normalität mutieren.
Häufig passiert das in einer Massierung von Problemen.
Dadurch verändert sich auch die Gewaltschwelle, sie wird desensibilisiert und uns kommt Gewalt fast normal vor- also kann sie ja auch nicht so etwas Schlimmes sein.
Leistet unser kleiner Flimmerkasten nicht viel?
von Verena Reinke
WIR MEDIENKINDER 2
oder
Bau dir besser eine eigene Ranch
13.15 Uhr Schule aus; 13:30 Uhr zum Mittagessen alles, was der japanische Zeichentrickmarkt, in der Fachsprache als Anime bezeichnet, zu bieten hat. Zum Nachtisch ein paar Richtersendungen, da soll mal jemand sagen, das Fernsehen wäre weltfremd, und zur Entspannung ein paar Talkshows. Abends noch ne flotte Actionserie, man gönnt sich ja sonst nichts. Zwischendurch ein paar Häppchen à la „Wohnungsumstyling - Lifestyleverbesserungs - Sendungen“ und was sich die Programm- und Fernsehchefs noch für den deutschen Durchschnittsbürger überlegt haben.
Was sich auf den ersten Blick vielleicht eher amüsant oder gar witzig anhört, ist der Tagesablauf eines sogenannten „Medienkindes“, das das Fernsehprogramm besser zu kennen scheint, als das Gesicht seiner Eltern, die Deklination eines unregelmäßigen Verbs oder das chemische Periodensystem, sofern es überhaupt je davon gehört hat.
Niemand kann behaupten, dass es zu keinen bleibenden Schäden käme, wenn sich ein junger, heranwachsender Mensch mehrere Stunden am Tag mit audio- visuellen Signalen berieseln lässt. Bei dieser Form der Einwegkommunikation sind Interaktion oder Reaktion des Konsumenten irrelevant. Es ist rein rezeptiv und besonders das Fernsehen ist einzig auf eine große Massenwirksamkeit angelegt und hofft so ein breites Publikum anzusprechen.
Die Verantwortlichen interessieren sich nicht für die Zuschauer. Hauptsache, die Quote stimmt!
Komplexe Zusammenhänge werden vermieden. Schön einfach soll es jeder haben und dass man bereits zu Beginn eines jeden Spielfilms oder einer jeden Serienepisode das Happyend voraussagen kann, scheint niemanden recht zu stören. Es gibt nur zwei Extreme. Schwarz oder weiß, entweder gut oder böse, Liebe oder Hass. Grauschattierungen oder gar Farben kann das Leben nicht bieten, so scheint es zumindest.
Natürlich kann jetzt jeder Kritiker, der diese Auffassung nicht teilt, eine Hand voll Sendungen und Filme benennen, die nicht diesem Klischee entsprechen. Aber auch sie reichen nicht aus um den Schaden zu kompensieren, den die anderen angerichtete haben.
Die Folgen des hohen Konsums audio-visueller Signale werden auf vielfache Weise deutlich. Wer stets nur digitale Informationen, die scheinbar auch analoge Ausdrucksweisen, beispielsweise durch die Interaktion der handelnden Personen zu vermitteln versuchen, aufnimmt, wie soll ein solcher Mensch später selbst in der Lage sein, auf eine angemessenen Weise, die sowohl das digitale und analoge Sprechen beinhaltet, mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren. Man muss doch zum Einzelgänger werden.
Nur weil ein Kind die Reaktionen wie Mimik oder Gestik im Fernsehen suggeriert bekommt, ist es noch nicht in der Lage, den Ausdruck im Gesicht seiner Mutter zu deuten oder andere ihrer analogen Signale wie Gestik oder Körperhaltung mit einer konkreten Aussage in Verbindung zu setzen. Ist die Mutter nun selbst auch ein Medienkind, wird die Situation noch schwieriger.
Denn auch Erwachsenen, die sich direkt nach der Arbeit hinter den Couchtisch zwängen und dort bis zum Schlafengehen sitzen bleiben, sofern das TV-Gerät nicht sowieso im Schlafzimmer steht, sind gefährdet. Während sich bei den „Kleinen“ die analoge Sprache aufgrund des hohen Fernsehkonsums nicht ausprägen kann, verkümmert sie bei den „Großen“. Natürlich wird es jetzt Menschen geben, die behaupten diese Missstände durch Fehlzeit wieder ausgleichen zu könne. Aber die Konversationen, die sich oft auf ein „Hol mal`n Bier!“ oder „Ich will mehr Chips“ reduzieren und während eines Werbeblocks ablaufen, der natürlich auch für den Toilettengang genutzt werden muss, reichen nicht aus, um dieses Defizit auszugleichen.
Ist es nun verwunderlich, dass Kinder keine Eigeninitiative mehr entwickeln? Das Fernsehen wird zu einem schönen, bunten Freizeitprogramm. Warum also noch die eigenen Phantasie bemühen oder sich gar bewegen? Hauptsache die Finger sind kräftig genug die Tasten der Fernbedienung zu drücken und die Gummibärchen, die man gerade noch in der Werbung gesehen hat, von den Tüten in den Mund zu befördern.
Schön, dass das Leben so einfach ist!
Ja und natürlich sieht man sich doch auch mal die Nachrichten an, damit man weiß, was auf der Welt so los ist. Fernsehen bildet eben auch. Und ist es nicht ein schönes Gefühl sich der Illusion der Allmacht hinzugeben, überall sein zu können? Allen wichtigen Ereignissen beizuwohnen. In der einen Minute noch auf dem Kriegsfeld und in der nächsten wohnt man der Notoperation des armen Hündchens X vom Prominenten YZ bei.
Ist es nicht erschreckend, wie sich die Relationen von wichtig und unwichtig verschieben und dass Fiktion und Realität immer mehr verschwimmen? Fast alles, was im Fernsehen zu sehen ist, von Gewalt, über Sexualität und Armut, scheint „normal“ geworden zu sein. Wie soll sich denn ein Kind in einer solchen Welt zurechtfinden, wenn selbst seine Eltern nicht genau wissen, ob das Gesehen und Gehörte überhaupt der Wahrheit entspricht.
Sehen und hören. Diese beiden Sinne sind die einzigen, die sich noch entfalten könne. Auch eine negative Folge, des „in die Glotze Schauens“. Die anderen Sinne verkümmern oder werden desensibilisiert. Man sieht zwar vielleicht glückliche Menschen oder ein weinendes Kind, aber spürt man die wirklichen Emotionen, die mit diesen Bildern zusammenhängen?
Liebe, Trauer, Angst oder Verlust? Es ist alles nur ein Betrug, durch viele bunte Bilder. Stellt man sie aus, sind nicht nur sie verschwunden, sondern auch die Emotionen.
Das sind noch nicht alle Aspekte und Folgen, die sich durch den zu hohen Konsum von bewegten Bildern ergeben. Vielleicht wäre es wirklich besser sich den Medien zumindest zu einem gewissen Grad zu entziehen. Kinder sollten die Welt nicht durch die Augen einer Kamera entdecken, sondern selbst hinausgehen.
Sich nicht hunderte von Serien wie z.B. Bonanza ansehen, sondern die Zeit mit seinen Freunden hinter dem Haus auf der eigenen Ponderosa-Ranch verbringen und wieder zu kleinen Strolchen werden.
von Verena Böske
WIR MEDIENKINDER 3
Rosa K. (29) kommt von ihrer Arbeit als Direktionsassistentin nach Hause. Ihr Mann Wallfried (28) sitzt vor dem Fernseher, sieht einen Wettkampf im Gewichtheben.
Ob er nicht den Ton etwas leiser drehen könne, sie habe nach diesem stressigen Tag starke Kopfschmerzen.
Nach wenigen Sekunden eine routinemäßige Bewegung des rechten Zeigefingers hin zum Lautstärkeknopf der Fernbedienung, die unter der Hand auf der Sessellehne liegt.
Kurze Stille, die von den begeisterten Einwürfen des Kommentators aus dem Fernseher unterbrochen wird.
Hätte er denn nicht wenigstens schon einmal den Gartenzaun reparieren können. Nachbar Meyer habe den sogar schon gestrichen.
Angestrengtes Anvisieren des Bildschirmes und ein leichtes nach vorne Beugen des Oberkörpers.
Interessiere es ihn gar nicht, was sie ihm alles von der Arbeit zu berichten habe.
Ja ja, er werde gleich kommen.
Vorher allerdings noch ein minutenlanger, sehnsüchtiger Blick auf die flimmernden Bilder bis schließlich der Ton so weit herunter gedreht wird, dass die Stimme des Kommentators klingt, als käme sie aus der Nachbarwohnung, und ein Ohr Rosa zugewandt werden kann.
Eine seltene, einzigartige Situation in einem der Millionen deutscher Haushalte? Eindeutig nein! Der einst als Riesenapparat erfundene Fernseher, der damals zur abendlichen Unterhaltung der gesamten Familie diente, ist mittlerweile für viele Menschen allen Alters zum einzigen, wichtigen Kommunikationspartner geworden.
Vor allem bei Jugendlichen und Kindern steigt der Medienkonsum und damit vor allem auch der des Fernsehens und Films ständig.
Nicht ganz unproblematisch, wie immer wieder verkündet wird. Doch wie dramatisch die Folgen sein können und tatsächlich auch sind, ist den wenigstens Erwachsenen, die verantwortungs- und tatenlos zusehen, wie ihre Kinder und damit ihre Zukunft im Sumpf des Fernsehens verschwinden, nicht bewusst.
Fernsehen und Film, audio-visuelle Medien, zwingen dem Zuschauer eine einseitige Einwegkommunikation auf. Dabei sind die Rollen Sender und Empfänger, deren Vorhandensein Voraussetzung für eine Kommunikation sind, von vorneherein festgelegt: der Fernseher sendet verschiedene Signale aus, der Zuschauer kann dieser zwar empfangen, es gibt für ihn aber keine Möglichkeit, selbst Signale zurückzusenden, darauf ist der Fernseher nicht ausgerichtet. Diese rein auf Empfang ausgerichtete Einstellung fordert und fördert in keinem Fall die Aktivität des Zuschauenden im Bereich der digitalen und analogen Kommunikationskompetenzen, denn zu keinem Zeitpunkt wird eine Interaktion erwartet oder auch nur ermöglicht.
Vollständige Kommunikation findet immer auf zwei Ebenen statt: zum einen auf der verbalen, die durch Gesagtes Informationen, Inhalte und Fakten vermittelt und zu anderen auf der non-verbalen, die durch Mimik, Gestik und Körperhaltung Ansatzpunkte dafür gibt, wie das Gesagte aufzufassen ist. Wird diese zweite Ebene, auf der man in vielen Fällen ganz unbewusst Signale aussendet, missachtet, kann es zu extremen Missverständnissen kommen.
Wie aber soll ein Jugendlicher, der durchs Fernsehen in keiner Weise dazu angeregt wird, auf diesen Ebenen, vor allem auch auf der zweiten, zu agieren, sich überhaupt in einer Welt mit anderen Menschen zurecht finden, wenn er doch eigentlich gar nicht richtig mit ihnen kommunizieren kann, abgesehen von einem maximalen Buchstabensatz von 160 Zeichen pro SMS?
Das Argument, die rezeptive Wahnnehmung aber werde bei diesen Jugendlichen schon sehr früh geschult und sei hervorragend, ist an sich vielleicht nicht abzustreiten, doch zu welchem Vorteil können die Heranwachsenden dies nutzen? Ist nicht jemand, der nicht kommunizieren kann, da er es quasi „verlernt" hat, genauso wie ein dem Schreiben nicht mächtiger Stummer, der nichts von dem, was er auch noch so Geniales hören mag, an seine Umwelt weitergeben kann?
Gleichermaßen wie die Kommunikationsfähigkeiten, so wird auch die Motivation zur Aktivität mit jeder Stunde weiteren Fernsehens heruntergedreht und gedämpft. Abgesehen von einem minimalen Anteil an Animationssendungen, die Kinder zum Basteln und Experimentieren anregen, ist die Botschaft der meisten Sendungen sehr eindeutig: „Setz dich hin, schalt dein eigenes Denken ab und nehme einfach nur auf, was wir dir sagen." Wem immer alles vorgegeben und dargestellt wird, der braucht keine eigene Phantasie oder gar Bewegung um sich zu beschäftigen. Immerhin sind doch schon die Helden der Serien ständig in Bewegung, laufen quasi von einer Katastrophe in die nächste, ihr Leben ein reines Drama mit den Extremen der Gefühle; das „Normale" scheint dagegen allzu langweilig.
Aber ist es nicht ebenso extrem, wenn man diese Kinder nach ihren Vorstellungen und Gedanken über ein „normales" Leben befragt, man genau solche Extreme als Antworten erhält? Das Außergewöhnliche mutiert in ihrer Welt, in der es nicht ihre eigenen Gedanken, sondern nur die vom Fernsehen eingetrichterte Darstellungsweise gibt, zum Normalen.
Gewalt, sei sie auch noch so detailliert dargestellt, bewirkt bei diesen Kindern kein Schockerlebnis mehr; sie sind durch die Bilder abgehärtet. Ihnen fehlt ganz entscheidend die eigene Erfahrung, die Erfahrung, was Gewalt und der damit erzeugte Schmerz in der Realität bedeuten und wie verletzend und schädigend sie sein kann. Es findet eine absolute Abstumpfung jenes Feingefühls statt, das eigentliche extreme Gewalt gegenüber Mitmenschen und Lebewesen vermeiden soll.
Neben diesem werden durch das Fernsehen aber auch weitere Sinne stark vernachlässigt.
Die Technik ist weit vorangeschritten, aber der Apparat, der neben Bild und Ton auch noch den passenden und tatsächlichen Geruch übermittelt, muss erst noch erfunden werden, sodass bis jetzt der Geruchssinn, abgesehen von künstlichen Stimulationen, völlig überflüssig ist. In der wirklichen Welt ist aber auch das Riechen für eine vollständige Wahrnehmung des Umfeldes oder für das Auffassen einer Situation enorm wichtig.
Warum sonst konnten die Protagonisten in Goethes Werken „die Gefahr richtiggehend riechen" und heute reicht es allenfalls noch zu einem „Man, hier stinkt es aber"?
Was hier für den Geruchssinn als eine ferne Zukunftsvision erscheint, ist für den Geschmackssinn noch ferner und abwegiger. Cola und Chips sind das einzige, was in großen Vorrat und ohne allzu große Mühe die Geschmacksnerven wieder und wieder betäuben, um über die Leere, die sonst herrschen würde, hinwegzutäuschen.
Mit seiner vollendeten Schöpfung hat sich der Herr Gott also etwas zu großzügig gezeigt. Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn sind völlig überflüssigerweise erschaffen worden, ebenso die Fähigkeit zu eigenen Emotionen, die einem ja auch leihweise vom Fernsehen gegeben werden können.
Für diejenigen, die sich noch ein kleines Stück Eigenständigkeit bewahrt haben, dämmert dann an dieser Stelle so ganz weit weg die Frage „Was haben die Menschen gemacht, bevor es den Fernseher gab „ oder „Warum die große Mühe bei der Schöpfung mit drei zusätzlichen, unnützen Sinnen?”.
Technik bedeutet Fortschritt, Fortschritt, der Erkenntnisse liefert, der in der Medizin Leben retten kann und Unmögliches möglich werden lässt. Aber welcher Fortschritt kann eine stetige Rückwärtsbewegung im Bereich der dem Menschen bereits vor der Geburt gegebenen Fähigkeiten — die der Kommunikation - aufwiegen und damit eine „Fernsehesierung" unserer Welt und all unseres Könnens rechtfertigen?